Einleitung
Der Fußball boomt. Ich war, bin und bleibe mein Leben lang Anhänger dieses Spieles. Ich habe es sowohl selbst betrieben als auch von frühester Kindheit an die Rolle des aktiven Zuschauers übernommen. Dabei war für mich schon immer jedes Spiel recht. Fanatismus oder Anhängerschaft kenne ich fast überhaupt nicht (einzige Ausnahme: der AS Rom). Ich schaue alles, was man nur schauen kann. Dabei sind mir Amateur- oder Jugendspiele genauso recht wie Championsleague- oder WM-Finale. Ebenso schaue ich mit Begeisterung exotische Ligen, wenn sich eine Gelegenheit bietet.
Darüber hinaus kann ich mit einigem Stolz sogar behaupten, dass Fußball mein Beruf ist. Ich lebe vom professionellen Wetten auf Fußballspiele. Insofern kann man mir in meiner Beurteilung der Fußballspiele vielleicht ein wenig vertrauen, nicht nur was die Chancenverteilung angeht, sondern auch was das Spielverhalten, die Rolle der Schiedsrichter, aber auch die der Medien und Zuschauern betrifft. Denn sie alle spielen bei der Gesamtbeurteilung eines Spieles eine Rolle.
Allgemeine Betrachtungen über den Fußball
Es gibt eben kein einfacheres Spiel als Fußball. Das macht ihn aus, darin liegt auch der Grund für seine weltweite, nicht geringer werdende Verbreitung. Jedes Kind hat seinen Bewegungsdrang. Herumtollen und spielen, das ist das Kinderparadies. Wenn dann noch ein Ball ins Spiel kommt, dann wird die Freude noch größer. Also: einen Ball her und raus, gegentreten und hinterherrennen. Noch vier Stöcke oder Jacken als Torpfosten und man spielt wie die Großen. Schöner und einfacher geht es nicht.
Man vergleiche den Fußball mit Tennis, Eishockey, Volleyball, Football oder womit auch immer. Bei fast allen Sportarten benötigt man irgendeine Ausrüstung und eine geeignete Lage. Mal eine Halle, mal ein Stadion. Zum Fußballspielen braucht man gerade mal einen Ball. Eine Wiese wird sich schon finden. Und los geht's. Der Fußball lebt, er boomt förmlich. Aber vielleicht ist es auch in Zeiten des Booms angemessen, einige kritische Anmerkungen zu machen. Wer weiß, wie groß der Boom noch sein könnte, wenn man ein paar Dinge ändert, verbessert? Vielleicht kann man die Fanschar vergrößern, und zwar in größeren Ausmaßen? Aber wie gesagt: Der Fußball boomt und lebt auch so.
Der Fußball wird nicht kaputt zu kriegen sein. Für mein Verständnis aber wird er ziemlich schändlich behandelt. Es wird mit Füßen getreten, mit Hammer, Säge und Beil malträtiert. Noch ist er heil. Wer dabei zu welchen Mitteln greift, versuche ich im Folgenden zu erörtern. Natürlich tun es allesamt unbewusst. Meine Gedanken könnten aber im günstigsten Fall hier und da dazu beitragen, dass es zunächst bewusst geschieht und dann in der Zukunft möglicherweise gar nicht mehr.
Experte, Fußballfan, Stadiongänger oder Fernsehzuschauer, jeder hat seine Vorschläge zu machen, das ist mir schon klar. Die Medien geben uns regelmäßig vor, worüber in der Woche diskutiert wird. Dann kommt der nächste Spieltag und mit ihm das nächste Diskussionsthema. Die berühmten Stammtischdiskussionen: Hast du gestern gesehen, die Schauspieleinlagen? Das wird immer schlimmer. Da müsste der DFB was machen. Die Woche danach: 10, teilweise spielentscheidende Schiedsrichterfehler. So kann das doch nicht weitergehen. Da müssen sie was unternehmen. Noch eine Woche darauf: Hast du gestern das Tor gesehen, was nicht gegeben wurde? Dabei war der Ball einen halben Meter hinter der Linie. Der Chip oder die Torkamera müssen her. Jeder hat eine Meinung, jeder tut sie kund, jeder hält sie für exklusiv und objektiv angeeignet. Dass aber meist nur die Medienvorgaben wiedergekäut werden, registrieren die meisten bedauerlicherweise dabei nicht.
In der Summe sind allein in Deutschland ca. 40 Millionen Menschen davon betroffen, selbstverständlich alle mit der (selbstdiagnostizierten) Eignung zum Bundestrainer. Das gilt natürlich auch für mich und meine Ansichten. Der einzige Unterschied zu den anderen: Meine stimmen wirklich, ist doch klar. Jetzt müsste ich nur noch zum FIFA-Präsidenten gewählt werden und schon in einem Jahr sind die Stadien weltweit gefüllt, die Umsätze verdoppeln sich, ach, was red ich, verzehnfachen sich und eine neue Welle der Begeisterung schwappt über die gesamte Welt, nicht aufzuhalten, ein neues Zeitalter bricht an und wir gründen die intergalaktische Liga. Was, Sie glauben mir nicht? Vielleicht sollten Sie weiterlesen...
Faszination Fußball?
Was fasziniert die Menschen wirklich am Fußball? Ja, Fußball ist Emotion, Leidenschaft, Spannung, Sport, Spiel. Und es ist ein einfacher Sport. Alles richtig. Aber die Tore sind das Salz in der Suppe. Und davon gibt es (zu) wenig. Ich stelle mir folgende Szene vor: Sie versuchen, einem Ami das Spiel schmackhaft zu machen. Sie gehen mit ihm ins Stadion, als echter Enthusiast. Fußball kennst du nicht? Das musst du gesehen haben! Also gut, er geht einigermaßen interessiert mit ins Stadion. Nach 20 Minuten fragt er: Sag mal, wozu stehen denn die beiden Kästen da am Ende vom Spielfeld? Du hast ja gar keine Ahnung, Mensch, da muss der Ball rein, das sind die Tore! Ja, aber da müsste ja wenigstens mal jemand den Ball in die Richtung schießen, damit es ein Tor werden kann. Wann passiert denn endlich mal was? Logisch, es steht ja 0:0 (laut meiner Datenbank ist es nach 25 Minuten übrigens tatsächlich in 64 % der Spiele so).
Sie sagen immer: Gleich, schau doch hin. Er droht Ihnen allmählich wegzunicken. Endlich, der Mann springt auf: Ein Spieler geht alleine aufs Tor zu. Er fängt schon beinahe an zu schreien, zu jubeln. Sie zupfen ihn auf seinen Stuhl zurück. Hey, setz dich mal wieder. Das ist ja peinlich. Der war doch im Abseits, der Mann.
60. Minute. Immer noch 0:0. Er will endlich nach Hause. Sie sagen: Nein, jetzt wird's ja erst richtig spannend, mal sehen ob doch noch ein Tor fällt. Dann, tatsächlich, die 65. Minute, 1:0, auch noch für Ihre Mannschaft. Jetzt dürfen Sie jubeln. Er springt auch mit auf und sagt: Wow, jetzt passiert aber doch endlich mal was. Sie müssen ihn bremsen: Setz dich wieder. Nur noch 25 Minuten, das Ding haben wir im Sack. Er: Wie, jetzt passiert nix mehr? Nee, unsere stellen sich jetzt hinten rein, zwei, drei taktische Auswechslungen, ein bisschen Zeitspiel. Das Ding bringen sie locker über die Zeit, da brennt nix mehr an. Recht haben Sie, das Spiel endet 1:0.
Das war sein erster und letzter Stadionbesuch. Es steht immer 0:0, wenn's spannend wird, ist's Abseits, und wenn tatsächlich doch ein Tor fällt, ist's entschieden? Nee, danke.
Steigerung der Attraktivität durch mehr Tore
Ich werfe jetzt also noch mal die Frage auf: Wäre der Fußball nicht schöner, interessanter, faszinierender, wenn es mehr Tore gäbe? Ich denke mal, die meisten würden diese Frage mit einem Ja beantworten. Tore sind einfach das, worauf es ankommt. Ein guter Trick, eine gelungene Flanke, ein Dribbling, eine tolle Torwartparade - all das ist schön, man kann klatschen und begeistert sein. Auch eine Druckphase, eine Ecke, ein Foulspiel gefolgt vom Pfeifkonzert, eine (fragwürdige) Abseitsentscheidung, ein gelungenes Tackling, alles gehört zum Fußball dazu. Aber die Explosion, der absolute Höhepunkt, das Ein und Alles, das Nonplusultra, das ist, wenn der Ball im Tor einschlägt. Das reißt die Massen von den Sitzen.
Es gibt sicher ein paar Leute, die trauern, zum Beispiel die Anhänger der Mannschaft, die das Tor kassiert hat. Aber die zählen ja kaum, die trauern halt stumm vor sich hin. Und die Neutralen sind ja ohnehin dank des Fernsehens fast immer klar in der Überzahl. Und die wollen das Tor sehen.
Das ist also mein erstes Anliegen. Ich bin in dieser Hinsicht garantiert nicht der Einzige, es gibt ja seit Jahren Diskussionen darüber.
Aber mein Vorschlag, um dieses Ziel zu erreichen, ist der einfachste. Er ist so einfach, wie er nur sein kann. Ich möchte weder die Tore vergrößert haben noch das Abseits abschaffen. Ich möchte keine einzige Regel ändern! Mein Vorschlag lautet: Anwendung der bestehenden Regeln!
Sie meinen, die Regeln würden doch angewandt? Es gibt Regeln und es gibt deren Auslegung. Dazu sollte ich ein paar Beispiele bringen, um zu zeigen, dass es tatsächlich nicht so einfach ist, dass es eine Tendenz zur Auslegung der Regeln gibt. Diese Tendenz ist eindeutig gegen die angreifende Mannschaft gerichtet.
Zunächst eine relativ einfache und anschauliche Situation: ein Foulspiel. Worauf entscheidet der Schiedsrichter? Ein jeder, sei er nun Schiedsrichter oder neutraler Zuschauer, wird sagen: Freistoß, was denn sonst? Na gut, mag sein (zu Zweifeln diesbezüglich später mehr), aber was ist mit Foulspiel im Strafraum? Der Regelkundige wird selbstverständlich antworten: Foulspiel im Strafraum ist Elfmeter. Dem möchte ich mit einiger Vehemenz widersprechen. Es gibt nicht nur den Begriff elfmeterreifes Foul, sondern es gibt auch diese Tatsache. Ein Foul im Strafraum wird üblicherweise so kommentiert: Dafür kann man keinen Elfmeter geben, oder: Das reicht nicht für einen Elfmeter, oder aber: Ja, es gab Körperkontakt, er hat ihn berührt, aber Elfmeter? Ich weiß nicht. Und alle sind sich einig. Aber warum ist es so? Was ist die eigentliche Aussage?
Die eigentlich Aussage ist die: Es war zwar ein Vergehen, aber die Schwere des Vergehens rechtfertigt keinen Elfmeter. Bitte schön, dann erkläre ich mich einverstanden. Wenn es so gewollt ist, dann soll es auch so entschieden werden. Nur würde ich dann auf eines bestehen: Schreibt es in die Regeln! Ein Foul zieht einen Freistoß nach sich. Im Strafraum gelten aber andere Gesetze. Da ist die Beurteilung des Foulspiels eine andere. Elfmeter gibt es eben nur für ganz klare und eindeutige Fouls. Da würde ich dann aber gerne nach dem Sinn fragen. Ich wollte zwar keine Regeln ändern, schlage hier aber trotzdem die sich aufdrängende, logische Regeländerung vor: Es gibt eine alternative Bestrafung für Foulspiele im Strafraum. Die Strafe Elfmeter ist ja nicht in Stein gemeißelt, oder etwa doch?
Außerdem würde ich das mal zu Ende denken: Was würde eigentlich passieren, wenn jedes Foulspiel im Strafraum mit Elfmeter geahndet würde? Berti Vogts sagte mal (der Erste, den ich zu diesem Thema gehört habe): Wenn man für so ein Foul Elfmeter geben würde, würde es im Spiel 20 Elfmeter geben. Hier möchte ich widersprechen. Die Fußballer sind wie Kinder, wie Kindergartenkinder allerdings. Sie tun, was man ihnen erlaubt. Wenn man es nicht schafft, einwandfreie, verständliche Regeln aufzustellen, dann tanzen sie im übertragenen Sinne auf dem Tisch. Sprich: Wenn ein Verteidiger merkt, dass es für einfaches Trikotzupfen im Strafraum keinen Elfmeter gibt, dann tut er es, wieder und wieder. Wenn er im Kopfballduell den Gegner behindern darf, ohne die Absicht, den Ball zu erreichen, dann tut er es auch. Stellt er allerdings fest, dass diese Vergehen mit Elfmeter bestraft werden, dann unterlässt er es. Was wäre die Folge? Die Stürmer hätten plötzlich mehr Freiheiten. Sie wären in der Lage, ein Dribbling auch erfolgreich abzuschließen, ein Kopfballduell zu gewinnen und den Ball aufs Tor zu bekommen. Weitere Folge: mehr Torsituationen, mehr Tore.
Eine weitere, ähnliche Situation: Das Handspiel im Strafraum. Ich habe als Kind im Jugendfußball noch gelernt: Arme an den Körper, vor allem im Strafraum. Denn: sonst gibt es Elfmeter. Also haben wir versucht, den Ball nicht an die Hand oder den Arm zu bekommen. Im Laufe der Jahre hat sich dieses Verhalten allmählich geändert. Heutzutage sieht es so aus: Die Verteidiger halten ihre Arme, wo sie wollen, möglichst aber nicht am Körper. Und wenn sie den Ball dann gegen die Hand oder den Arm bekommen, dann heißt es das war keine unnatürliche Handbewegung oder aus dieser Entfernung bekommt er den Arm gar nicht mehr weg, da kann man keinen Elfmeter geben. Das ist ein Unsinn. Wenn es keine Strafe dafür gibt, dann hält man die Arme einfach wie ein Handballtorwart. Wenn der Gegner dagegenschießt, ist er doch selbst schuld, jedenfalls nicht ich. Mir soll keiner erzählen, dass die Spieler nicht wissen, was sie tun.
Ein wirklich leidiges Thema, das jeden Fußballfan tagtäglich aufregt, ist das Abseits. Dazu einige Beobachtungen und Gedanken.
Die Amis hatten zur WM 1994 den richtigen Ansatz: Sie wollten das Spiel in Amerika populär machen. Um es populär zu machen, müssen sie es attraktiv machen. Um es attraktiv zu machen, müssen Tore her. Von allen Vorschlägen (die übrigens in Amerika spielend leicht umgesetzt wurden) wurden nur zwei verwirklicht: die Rückpassregel und die Regel im Zweifel für den Angreifer bei Abseitsentscheidungen. Denn die Erkenntnis war ganz einfach: Die Fahne geht immer hoch, oft zu Unrecht. Wenn man also nicht sicher ist, lässt man sie unten. Denn die Torsituation will man ja sehen. Hier sind fast alle Zuschauer neutral. Ein Spieler alleine vor dem Tor. Das ist spannend. Ein Abseitspfiff ist der sogenannte Anti-Klimax. Wie bei Hitchcock, wenn man schon wieder ein Geräusch hört, schon wieder einen Riesenschreck bekommt - und dann die Kamera umschwenkt und man sich den Schweiß abwischt: Puh, ein Glück, war nur ne Katze. Aber beim Fußball gibt es einen permanenten Anti-Klimax. Bei der WM 2006 wurden einmal zufällig ausgewählte Zuschauer gefragt, ob sie wüssten, was Abseits wäre, und eine Frau antwortete, übrigens absolut korrekt: Abseits ist immer, wenn einer frei steht. Und so wird es heutzutage entschieden.
Ich habe mal einen Schiedsrichter gefragt, was er glaube, wie viel Prozent der Abseits-Fehlentscheidungen zu Ungunsten der angreifenden Mannschaft ausfielen. Er gab zwar eine gute, aber nicht ganz korrekte Antwort. Er sagte, 80% fielen zu Ungunsten der angreifenden Mannschaft aus. Er irrte sich nur insofern, als dass es tatsächlich über 90% sind, aber trotzdem darf die Frage erlaubt sein, warum es mehr als 50% sind, die ja statistisch gesehen herauskommen müssten, wenn man nur rein zufällig Fehler begehen würde? Seine Begründung war für mich überaus interessant und ich fürchte, dass ein derartiger Unsinn tatsächlich in der Schiriausbildung verbreitet wird. Er sagte, das liege daran, dass der Assistent das Abseits hört und nicht sieht. Er schaut also immer auf die Angreifer/Verteidigerlinie, der Ball wird abgespielt, das Abspiel verursacht ein Geräusch. Der Schall braucht zwischen 0,1 und 0,3 Sekunden, um an sein Ohr zu dringen (das Abspiel geschieht im Schnitt in 20 - 60 Meter Entfernung vom Assistenten und dafür braucht der Schall so lange) und innerhalb dieser Zeitspanne steht der Spieler tatsächlich im Abseits: Licht ist schneller als Schall.
In Meter umgerechnet: Ein schneller Spieler läuft die 100 Meter in 11 Sekunden. Also 9 Meter in einer Sekunde, 90 Zentimeter pro Zehntelsekunde. Dazu die Gegenbewegung der Abwehrspieler, die gleichzeitig herauslaufen. Die sind aber langsamer, sagen wir 60 Zentimeter, macht zusammen 1,50 Meter. Und das ist noch der pessimistische Fall, dass das Abspiel in der Nähe des Linienrichters erfolgte. Wenn der Assistent sich also regelmäßig um 1,50 m vertut, dann wären die Fehlentscheidungen eine logische Folge, und zwar die gegen die Angreifer. Denn die Angreifer bewegen sich ja tatsächlich immer im kritischen Bereich. Sie wollen ja gerne den kleine Vorsprung haben, starten also oft vorzeitig, aber dennoch nicht zu früh!
Wenn es sich tatsächlich so verhielte und den Schiedsrichter-Ausbildern dieses bewusst wäre, dann würde ich natürlich vorrangig die Aufgabe darin sehen, in der Ausbildung zu vermitteln, dass man bei der Frage, ob Abseits oder nicht, seine Entscheidung um diese ca. 1,50 m korrigieren müsste. Denn Ungerechtigkeiten sind ja unerwünscht, darf ich annehmen?
Ich habe im Laufe der Jahre eine andere Beobachtung machen müssen, die eine wesentlich plausiblere Erklärung liefert. Dazu muss man sich allerdings nach Möglichkeit einiger Vorurteile entschlagen.
Ich bin überzeugt, dass die Erklärung im psychologischen Bereich zu suchen und zu finden ist. Der Assistent schaut, wie jeder andere auch, selbstverständlich auf den Ball. Der wird nach vorne gespielt, der Mann schaut hinterher, der Ball kommt an und er sieht einen Angreifer alleine auf den Torwart zulaufen. Dann denkt er, wie jeder andere auch, Ui, ist der frei. Dann geschehen ein paar Dinge im Gehirn und in den Gliedmaßen, die man eigentlich auch der Intuition zuschreiben könnte und die in der Summe ein Ergebnis liefern: Er reißt die Fahne hoch. Die Intuition ist wirklich ein sehr treuer und im Prinzip auch zuverlässiger Ratgeber. Ich nutze, wie jeder andere auch, meine Intuition tagtäglich. Man nutzt sie ohnehin immer in Situationen, wo die Zeit zum Nachdenken zu knapp ist. Und das ist solch eine typische Situation. Nun darf ich aber an die ursprüngliche Frage erinnern: Wie viel Prozent der Abseits-Fehlentscheidungen fallen zu Ungunsten der Angreifer aus? Ich hoffe, dass das nicht bestritten wird (bitte, ich bin begierig zu erfahren, was die berühmte Sat1-Datenbank enthüllt). Und ich hoffe, es ist auch unbestritten, dass eine solche Entscheidung intuitiv ist, da sie innerhalb von Zehntelsekunden getroffen werden muss. Bleibt jetzt die Frage zu klären, warum die Entscheidungen zu weit mehr als zu 50% in eine bestimmte Richtung ausfallen.
Psychologie
Prinzipiell gibt es eine Tendenz zugunsten einfacher Entscheidungen. Man möchte nicht in jeder Situation sämtliche Erwägungen erörtern (müssen) bevor man handlungsfähig ist. Und den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen ist beinahe für die meisten Menschen eine Lebensregel.
Auf die Schiedsrichterassistenten bezogen bedeutet das: Man entscheidet in erster Linie so, dass einem dafür nicht der Kopf abgerissen wird. Es gibt etliche Beispiele dafür, dass einem Schiedsrichter oder einem Assistenten im übertragenen Sinne der Kopf abgerissen wurde. Das geschieht immer dann, wenn eine Fehlentscheidung zu einem Tor führt. Denn das ist ein so offensichtlicher Fehler, der spielentscheidend ist oder sein kann. Das Spiel endete 1:0 (wie meistens) und das Tor hätte nicht zählen dürfen. Wer ist schuld? Der/Die Schiedsrichter.
Mag sein, dass das nicht ohne Weiteres glaubwürdig ist. Aber ich hatte ja geraten: Vorurteile über Bord bitte! Ich schildere Ihnen nämlich jetzt ein weiteres Beispiel, wie eine andere Art von Fehlentscheidung beurteilt wird.
Ein Spiel endet 0:0. Einer der beiden Trainer merkt nach dem Spiel an, dass seiner Mannschaft ein klares Abseitstor nicht anerkannt wurde und dass mindestens eine weitere Situation im Strafraum zu einem Elfmeter hätte führen müssen, da es ein klares Handspiel gegeben hat. Das Fernsehteam arbeitet gut, die entsprechenden Bilder zu den Spielsituationen werden eingeblendet. Sie bestätigen die Aussagen des Trainers. Wissen Sie, was aber die nächste Reporterfrage ist? Hätten Sie nicht dennoch einfach mehr tun müssen, um die drei Punkte einzufahren?
Der Schiedsrichter wird nicht weiter erwähnt, vor allem kommt er in keine Erklärungsnot. Das waren Tatsachenentscheidungen. Er hätte zwar Elfer geben müssen, aber er hat die Situation wohl anders beurteilt. Die Abseitssituation war wirklich schwer zu sehen. Da kann schon mal ein Fehler passieren. So werden die Schiedsrichter in Schutz genommen, der Trainer ist der Dumme. Er will, so wird unterstellt, von den Fehlleistungen seiner Mannschaft ablenken, sich und seinen Spielern ein Alibi verschaffen und so weiter.
Die Tendenz, sich für das kleinere Übel zu entscheiden, gibt einem Entlastung, falls man sich vertut. Und zwar dann, wenn man gegen das Tor entscheidet. Wenn man hingegen sich für das Laufenlassen, für den Elfmeter entscheidet, dann riskiert man wirklich etwas. Dann könnte man danebenliegen, mit schlimmen Folgen. Aber es gibt noch eine weitere Erklärung.
Psychologie Teil 2
Fußball ist ein Spiel mit wenigen Toren. Meine Datenbank enthüllt, dass in den von mir erfassten Ligen in den letzten 10 Jahren im Schnitt 2,5 Tore pro Spiel geschossen wurden. Das hat eine ganz offensichtliche Folge: Jedes Tor hat einen unschätzbaren Wert, was die Chancenverteilung für das ganze Spiel angeht. In etwa sieht das so aus: Wenn man vor dem Spiel vielleicht 50% auf Sieg hat, dann hat man nach einem Tor in der ersten Halbzeit ca. 80% auf Sieg. Wenn man dagegen in der ersten Halbzeit ein Tor kassiert, verschlechtern sich die Chancen sofort auf 20% oder weniger. Wie oft kommt es denn schon vor, dass ein Spiel gedreht wird?
Der Einfluss eines Tores auf den Ausgang des Spieles ist also erheblich. Das heißt, man scheut sich ein wenig davor, eine Entscheidung zu treffen, die zugleich das Spiel quasi (häufig genug endgültig) entscheiden kann. Und es gibt ja nicht nur in der ersten Halbzeit Tore (da sogar erkennbar weniger). Man denke einmal an die letzte Spielminute. Das Spiel steht unentschieden, 0:0. Beide Mannschaften haben sich einen erbitterten, dennoch fairen Kampf geliefert. Aber plötzlich läuft ein Spieler allein auf das Tor zu. Hilfe, halt, stehengeblieben denkt der Assistent in diesem Moment. Doch jetzt kein Tor mehr, das wäre die sofortige Entscheidung. Also ist die Entscheidung (Vorsicht, Wortspiel!) eine Unentscheidung. Man entscheidet sich für das Unentschieden. Zur Sicherheit. Geschweige denn, man würde jetzt danebenliegen und den Mann zu Unrecht laufen lassen. Gott bewahre! Also: Fahne hoch, dann bist du aus allem raus. Sollen sie ruhig hinterher sagen: War doch kein Abseits.
Natürlich gilt das genauso für die Elfmeterentscheidungen. Dreht man das Ganze herum, ergibt sich für die Schiedsrichter eine Möglichkeit, ihr Gewissen beruhigen: Beim Stande von 4:0, da machen sie alles wieder gut. Da kann ein kleiner Schubser im Strafraum ausreichen für den Elfer. Da wird der Stürmer schon mal laufengelassen, jetzt kann ja nix mehr passieren, und diskutiert wird's garantiert auch nicht, wenn der Schiri sich vertan haben sollte.
Gleiches gilt natürlich auch für Platzverweise. Man möchte ihn einfach nicht. Man würde das Spiel ja auch quasi entscheiden. Also entscheidet man sich auch lieber gegen den Platzverweis.
Die (Un-)Gerechtigkeit
Gäbe es etwas einwenden, wenn man sagt, dass man eine Form von Gerechtigkeit anstrebt? Ich habe auch etliche Spiele der NBA, der amerikanische Basketballliga, verfolgt. Und habe dabei festgestellt: Da wird praktisch nie eine Schiedsrichterentscheidung kritisiert. Man weiß zwar manchmal, dass eine Entscheidung falsch war, auch als Spieler. Aber man akzeptiert sie, weil man weiß, dass es kein System dahinter gibt, keine erkennbare Tendenz. Es ist eben nur ein Fehler.
Kontrastierend dazu ein paar Beispiele aus dem Fußball, Standardszenen, die in jedem Spiel vorkommen: Ein Stürmer luchst einem Verteidiger den Ball ab. Der Verteidiger merkt, dass er einen Fehler gemacht hat, aber der Ball ist weg. Dann fällt er einfach hin, das machen alle Verteidiger. Und was macht der Schiedsrichter? Er pfeift nicht etwa in 99 von 100 Fällen Freistoß für den Verteidiger. Nein, er pfeift in 100 Fällen für den Verteidiger. Es ist gar nichts passiert, kaum eine Berührung. Aber es gibt einen Freistoß. Auf der anderen Seite des Spielfelds. Ein Stürmer dringt in den Strafraum ein, er wird klar behindert. Jetzt hat er situationsbedingt zwei Möglichkeiten: versuchen weiterzulaufen, zu spielen, oder den Ball verlorenzugeben. Aber eines darf er unter gar keinen Umständen tun, und das ist hinfallen. Denn bei der heute praktizierten Form der Regelauslegung würde einem der Fernsehkommentator garantiert erklären: Der Schiri gibt zu Recht keinen Elfmeter. Aber wenn er keinen Elfer gibt, muss er dem Angreifer zwingend eine Gelbe Karte zeigen. Man bekommt also garantiert keinen Elfmeter. Wenn man sich ausgesprochen geschickt verhält, und das schaffen nur die Spieler, die sich nach einem Rempler auf den Beinen halten können, kann es einem gelingen, keine Gelbe Karte zu bekommen.
Wenn Sie jetzt diese zwei Szenen gegeneinanderhalten, merkt man wohl die Ungerechtigkeit: Der eine Mann fällt immer, auch, wenn es weit und breit kein Foul gab. Der andere Mann bekommt, wenn er fällt, Gelb, selbst wenn er tatsächlich gefoult wurde. Wenn das keine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist.
Ich sehe auch immer wieder Angreifer, die nach einer solchen Balleroberung und dem erfolgten Schiedsrichterpfiff die Hände vors Gesicht schlagen und verzweifelt den Kopf schütteln, weil sie diese Ungerechtigkeit natürlich auch verspüren, aber machtlos dagegen sind. Auf der anderen Seite des Spielfelds, bei der alternativ beschriebenen Szene, sieht man den Verteidiger immer nach dem tatsächlichen Vergehen die Arme zur Unschuldsbeteuerung hochreißen. Wenn der Schiedsrichter dann tatsächlich dem Stürmer die Gelbe Karte zeigt, klatscht der Verteidiger Beifall: alles richtig gesehen, Schiri.
Nun müssten ja diese beiden unterschiedlichen Reaktionen der partizipierenden Personen gedeutet werden: Handelt es sich jeweils um glänzende Schauspieler, der eine, der eine üble Regelwidrigkeit begeht und dann kopfschüttelnd wegläuft, die Hände vors Gesicht geschlagenen (nur nicht beschweren, dann bekommt auch er Gelb), der andere, der tatsächlich unschuldig ist, dies aber nur dadurch zu erkennen geben kann, dass er zur Unschuldsbeteuerung die Arme hochreißt?
Die Spieler wissen genau, was Foulspiel ist. Das sind intuitive Reaktionen, die Ausdruck für die erfahrenen (Un-)Gerechtigkeiten sind. Der eine hat nicht gefoult, das ist Fakt. Und er reagiert intuitiv so, dass er den Kopf schüttelt. Das ist nie und nimmer Schauspielerei. Wenn er auch nur die kleinste Kleinigkeit getan hätte, könnte er gar nicht so reagieren. Der andere ist tatsächlich Täter, reißt aber, ebenfalls intuitiv, die Arme hoch, um sofort gestisch seine Unschuld zu geloben. Das ist ebenfalls unmöglich Schauspielerei.
Ich stelle es mir als ganz amüsant vor, die Richtigkeit meiner Beobachtungen in einem Experiment zu überprüfen. Einige Schiedsrichter, sagen wir 10, stellen sich zur Verfügung, mit mir ein paar Entscheidungen zu untersuchen. Sie dürfen ganz frei einen Spieltag der Bundesliga auswählen, ich hingegen wähle die Szenen aus. Eine kleine Erschwernis, um ihr Urteilsvermögen auf Herz und Nieren zu prüfen, müsste ich allerdings einbauen: Sämtliche Tore und Linien werden vorher wegretouchiert. Man sieht also die Aktion vollständig, weiß allerdings nicht, wo sie stattgefunden hat. Dann möchte ich die Beurteilung darüber hören, was ein Foulspiel war und was keines. Ich prognostiziere, dass die Herren günstigstenfalls ein 50:50-Verhältnis bekommen, was die Richtigkeit der Entscheidungen angeht. Also in etwa so: Die Herren dürfen sich abstimmen, ob ein Foulspiel vorlag oder nicht, und wir vergleichen ihr Urteil mit der Entscheidung im Spiel. Noch besser wäre es, wenn jeder der Herren seine Entscheidungen unabhängig von denen der anderen treffen müsste. Auch dann tippe ich auf 50:50. Und 50:50 schaffe ich auch mit Würfeln, da brauchen wir keine Schiedsrichter.
Ich bitte alle Schiedsrichter, die bereit zu diesem Experiment sind, sich bei mir zu melden. Trauen Sie sich, meine Herren, Sie sind sich Ihrer Sache doch sicher, oder?
Ursachen
Ich unterstelle keinem Schiedsrichter Böswilligkeit. Sie alle versuchen, so gut wie möglich zu entscheiden, neutral und unparteiisch. Um meine Beobachtung zu exemplifizieren, erinnere ich an Herrn Schiedsrichter Merk, der vor kurzem ein Tor für Werder Bremen anerkannte (im Spiel gegen Borussia Dortmund), das im Nachhinein allgemein als irregulär angesehen wurde. Das wäre nicht so schlimm, hätte er nicht hinterher von seinem schlimmsten Fehler der letzten 10 Jahre gesprochen. Was drückt das aus? Ein zu Unrecht nicht gegebenes Tor ist kein schlimmer Fehler. Ein Tor hingegen, was zu Unrecht gegeben wird, ist ein katastrophaler, unverzeihlicher Fehler. Die Folge ist: immer sicherheitshalber aberkennen. Im Zweifel ist es eben ein Abseits. Im Zweifel war es kein Foulspiel, kein Handspiel, eben kein Elfmeter. Ein weiterer Grund für dieses Verhalten ist der: Ein Tor bringt eine große Verschiebung der Chancenverteilung, was den Spielausgang angeht. Sprich: Wenn ich das Tor anerkenne, steht ja der Sieger quasi fest, also lieber nicht. Ein nicht anerkanntes Tor ändert ja nichts an der Chancenverteilung, ein Tor hingegen schon. Die Ursache ist also im psychologischen Bereich zu suchen, auch wenn das den Spielleitern nicht gefallen wird.
Jeder Mensch handelt nach dem Prinzip, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen. Das gilt natürlich nur bei Routinetätigkeiten, bei Dingen, die wir jeden Tag tun. Und der geringste Widerstand für einen Schiedsrichter ergibt sich, wenn er Torsituationen unterbindet. Man hat regelrecht Angst vor der Torsituation, weil man jetzt gefordert ist und einen schweren Fehler machen kann. Also wird das Spiel häufig lieber schon vorher unterbrochen.
Man müsste auch mal den Begriff mutige Entscheidung analysieren. Was ist eine mutige Entscheidung? Normalerweise müssten die Entscheidungen doch nur in richtig oder falsch unterteilt werden. Mutig ist es zum Beispiel, bei einem wichtigen Spiel in der ersten Minute einen Elfmeter zu geben. Und das ist tatsächlich die Wahrheit. Belegen kann ich es anhand einer Szene im Championsleague-Halbfinale Barcelona - Chelsea vor kurzem. Da hat ein Spieler der Heimmannschaft ein wirklich klar erkennbares Handspiel im Strafraum begangen, nach 7 Minuten. Der Schiedsrichter hat auch wirklich Elfmeter gegeben. Aber bei der Entscheidung zuckte er Richtung Barca-Spieler mit den Schultern. Das heißt eben folgendes: Alles wäre mir recht gewesen, um keinen Elfmeter geben zu müssen. Aber hier war es leider so klar und eindeutig, dass mir nichts anderes übrig blieb.
Die Umsetzung
Wenn man es schafft, die Schiedsrichter und Assistenten dazu zu bewegen, dass sie Angst vor der Fehlentscheidung haben, die gegen ein Tor, gegen den Angreifer erfolgt, wäre mein persönliches Ziel erreicht.
Herr Merk müsste sagen: Oh, da haben wir einen Stürmer, der alleine aufs Tor zulief, zu Unrecht zurückgepfiffen, das war der schlimmste Fehler der letzen 10 Jahre.
Objektiv ist es natürlich auch wahr, dass ein nicht gegebenes Tor die Chancen genauso beeinflusst (falls es korrekt war, klaut man einer Mannschaft den Zugewinn an Prozenten in der gleichen Größe wie man ihn der anderen schenkt). Tatsache ist auch, dass es bei einer größeren Anzahl von Toren ja zwangsläufig die Wichtigkeit eines einzelnen Tores abschwächt. Also: Eine Entscheidung für ein Tor entscheidet eben viel seltener ein Spiel.
Die schwierigsten Entscheidungen sind natürlich dann zu fällen, wenn ein Spiel unentschieden steht. Also bei 4:0 gibt man gerne mal einen Elfmeter oder eine Rote Karte, die Entscheidung verändert ja nichts mehr. Aber beim Stand von 0:0 oder 1:1? Die Kommentatoren sagen ja dann auch gerne mal: Wer hier das nächste Tor schießt, gewinnt auch und haben damit auch noch Recht. Also bei einem Unentschieden in einem wichtigen Spiel eine große Entscheidung richtig zu fällen? Dann lieber kein Tor. Ich nenne das auch gerne die Unentscheidung. Der Schiri entscheidet auf unentschieden, er unentscheidet das Spiel.
Die Hauptaufgabe kommt dabei den Medien zu, beim Umdenken gebührt ihnen der Vortritt. Sie müssten die (Fehl-)Entscheidung gegen ein Tor herausstellen, sie als spielentscheidenden Fehler darstellen. Wenn ein Trainer heutzutage zum Beispiel nach einem Spiel sagt: Uns wurde ein klares Tor aberkannt, dann wird er ausgelacht und man unterstellt, er suche die Schuld bei den Schiedsrichtern, anstatt die Schwächen seines Teams zu erkennen und zu verbessern.
Wenn ich heute den Kicker aufschlage, dann lese ich garantiert in 10 Spielberichten eine der folgenden Feststellungen: Allerdings wurde ihnen auch ein klares Tor aberkannt, Sie hatten allerdings Glück, als der Schiedsrichter einen klaren Elfmeter nicht gab, oder einfach nur: Der Schiri hätte in zwei Situationen auf Elfmeter entscheiden können. Nur scheint das eben kein Aufsehen zu erregen. Das sind Randnotizen.
Christoph Daum sagte vor kurzem mal einen guten Satz: Die Spielleiter werden immer mehr zu Spielentscheidern. Er hat Recht, das ist schon mal klar. Aber er hätte es nicht sagen dürfen, denn er sagte es, nachdem seiner Mannschaft das absolut korrekte Ausgleichstor aberkannt wurde.
In England gab es übrigens am Saisonanfang auch mal eine interessante Situation. Bei dem Spiel Liverpool - Chelsea gab der Schiri zugunsten von Chelsea einen Elfmeter, der unberechtigt war. Das war der Ausgleich zum 1:1, das auch das Endergebnis war. Der Schiri wurde für zwei Monate gesperrt. Was glauben Sie, was ab der nächsten Woche die Schiris auf den Plätzen tun? Alles kann ich machen, aber bloß ja keinen unberechtigten Elfmeter geben. Aber in einer anderen Situation, bei einem Spiel ManU - Tottenham erzielte Tottenham ein Tor, bei dem der Ball ohne Übertreibung einen ganzen Meter hinter der Torlinie war. Jeder Zuschauer bis 2,6 Promille im Oberring konnte sehen, dass der Ball drin war. Aber weder Schiri noch Assistent hatten es gesehen. Wer mag das glauben? Sie wollten das Tor nicht geben, sie wollten ein Haar in der Suppe finden. Jedes Mittel ist recht, um ein Tor abzuerkennen. Wenn ich nicht ganz hundertprozentig sicher bin, dass alles regelrecht war und ich irgendeine Möglichkeit sehe, ein Tor abzuerkennen, dann tue ich es. Bei der WM 2006 gab es ein Spiel Kroatien - Japan. Kroatien hatte eine einfache Taktik, das Spiel zu gewinnen: hohe Bälle in den Strafraum, Kopfball, Tor. Denn die Angreifer (erst recht die Verteidiger, die bei Standards vorne waren) waren im Schnitt 12 - 15cm größer. Nur: Bei 22 Flanken, die in den Strafraum kamen, kam 21 Mal ein Kroate an den Kopfball, weil er höher sprang als der Gegenspieler. Aber 20 Mal pfiff der Schiri, wohl wegen Chancenungleichheit, ab. Es war Kroatien auf diese Art einfach nicht möglich, ein Tor zu erzielen. Es sah vielleicht für den Schiri so aus, als ob sich die Kroaten aufgestützt hätten? Also noch mal: Der Schiri hatte keine böse Absicht. Und, wie man weiß, wurden ihm seine Entscheidungen auch niemals nachgetragen. Obwohl sie zu einem sehr hohen Prozentsatz falsch waren. Es ist eben kein Problem, gegen die Angreifer zu entscheiden. Da kann einem nichts passieren.
Die Rolle der Medien
Während bei der Regelauslegung mit dem Hammer auf den Fußball eingeschlagen wird, versucht man es bei der Berichterstattung mit der Säge.
Und wenn einer der Hauptverantwortlichen (am beliebtesten hierbei die Trainer) über die Berichterstattung schimpft, dann schlägt ihm die geballte Kraft der Medien entgegen: Erstens mit dem Argument, er wolle den Medien wieder mal die Schuld zuweisen, und zweitens wird ihm Dünnhäutigkeit unterstellt und der Versuch, von den tatsächlichen Problemen abzulenken.
Nun, ich kann ja glücklicherweise als halbwegs neutral gelten und komme dabei nicht umhin, es so deutlich ausdrücken: Die Berichterstattung ist katastrophal. Und das ist noch geschmeichelt. Ich kann mich auch eines beliebten Kommentatorenspruchs bedienen: Sie ist unterirdisch.
Mittlerweile habe ich auch die Einschätzung eines beinahe repräsentativen Bevölkerungsschnitts eingeholt. Das ging von meinen Fußballkameraden über den Schachverein bis hin zu Journalisten oder Hausfrauen, Neutralen und Fans. Alle sagten das Gleiche, und das macht mich wirklich stutzig: Sie fänden die Kommentare grauenhaft, sie schalteten immer den Ton ab, man könne es nicht anhören. Dazu eine weitere, hoffentlich als neutral anerkannte Stimme: Ich bekomme gelegentlich Anrufe von Premiere, man will mir irgendwelche neuen Abonnements oder Tarife anbieten. Ich bin dann heilfroh, jemanden persönlich von dem Sender zu sprechen. Ich frage dann in aller Regel, ob ich auch etwas über Ihr Sendeangebot sagen dürfte? Ich darf. Dann sage ich auch gerne, was mir wirklich am Herzen liegt. Nämlich die Unerträglichkeit der Berichterstattung. Die meist weiblichen Angestellten nicken dann erkennbar, wenn auch nur verbal, und sagen, dass sie das öfter hören würden. Auf meine Frage, ob es denn sonst noch andere Beschwerden gäbe, bekomme ich zu hören: Nein, eigentlich richten sich alle gegen die Berichterstattung.
Und das nenne ich mal repräsentativ. Es ist den Premiere-Programmverantwortlichen also offensichtlich gleichgültig. Zuschauerwünsche scheinen keine Bedeutung zu haben. Oder findet sich ein einziger Kommentator, dem es gelänge, etwas Gutes über ein Spiel zu sagen?
Ich weiß, dass ich als Deutscher zum Volke der Meckerer gehöre und dass über alles gemeckert wird (auch ich grade jetzt und hier), aber irgendwo müsste doch mal jemand zu finden sein, der mit einem Kommentator voll und ganz einverstanden ist. Aber es kommt nicht vor, nicht ein einziges Mal. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe meine Schlussfolgerungen gezogen: Es ist tatsächlich so schlimm.
Bevor ich konkreter werde, möchte ich anmerken: Ich sehe fast täglich Spiele mit englischem Kommentar.
Und die sind einfach eine Wohltat. Oberstes Gebot für den Sprecher: Spannung erzeugen, Spannung erhalten. Gehört es nicht auch zu den Aufgaben eines Journalisten, eine gute Story gut verpackt zu verkaufen?
Auch mein Italienisch ist halbwegs ordentlich und ich sehe gelegentlich Spiele con la voce italiana, mit italienischem Ton. Aber selbst wenn ich nichts verstehen würde, würde mir zumindest auffallen, dass diese Sprecher auf das gespannt sind, was passiert, und darum bemüht, dem Zuschauer diese Spannung zu vermitteln. Aber dazu später mehr.
Ich bringe ein paar konkrete Beispiele: 10 Flankenbälle kommen in den Strafraum. 10 Mal kommen die Verteidiger an den Ball, der Angriff ist abgewehrt. Reporterkommentar: Stereotyp, immer die gleichen Bälle, dabei müssten sie doch wissen, dass bei den großen Innenverteidigern... Die 11. Flanke kommt in den Strafraum, ein Stürmer erreicht den Ball und tatsächlich, ein Tor. Kommentar: Katastrophaler Stellungsfehler ... alle schauen zu ... da steht er sträflich frei ... völlig unbehelligt kommt er da zum Kopfball ... selbst der Torwart trägt eine Mitschuld ... zögert beim Herauslaufen ... den hatte gar keiner auf der Rechnung - oder irgend ein ähnlicher Unsinn. Zunächst mal: Die Verteidiger sind meist in der Überzahl. Kein Wunder also, dass sie häufiger an den Ball kommen. Die Innenverteidiger werden häufig nach körperlicher Robustheit ausgesucht, ein Stürmer eher nach Vielseitigkeit oder Beweglichkeit, Technik oder Torriecher. Wen wundert's, dass der Verteidiger auch da überwiegend siegreich bleibt? Der Verteidiger hat außerdem jede beliebige Richtung zum Klären zur Verfügung. Der Stürmer nur eine einzige: diejenige Richtung Tor. Also es nutzt ihm nichts, ein Kopfballduell bloß zu gewinnen (was gelegentlich gelingt, wonach es dann heißt, er bekommt keinen Druck hinter den Ball), er muss den Ball aufs Tor bekommen und den Torwart noch überwinden.
Es ist aber übrigens nicht leicht, eine Aktion zu finden, die dem gestrengen Berichterstatter zusagt. Ein gelungenes Dribbling wird automatisch kommentiert mit: Das geht aber viel zu einfach, ein misslungenes mit: Er rennt sich immer wieder fest. Sollte jemand den Torabschluss suchen, erfolglos, dann heißt es: Da hat er den besser postierten ... übersehen, Verzweiflung oder zu egoistisch. Am einfachsten sagt man als Reporter nach einem erfolglosen Angriff: da hätte er aber ... Im laufenden Angriff platziert man am besten Phrasen wie jetzt wäre mal Platz um gleich danach zu sagen da muss er früher spielen, oder das muss schneller gehen, denn man muss ja nicht gleich befürchten, dass der Angriff zum Tor führt. Man kann sich damit auch gratis als Experte auszeichnen. Denn: Der Angriff wird mit größter Wahrscheinlichkeit kein Tor werden, das geschieht nämlich äußerst selten. Und wenn dann, wie zu erwarten, kein Tor fällt, bestätigt man seine vorher getätigten Aussagen wie: Es hätte schneller gehen müssen o.ä. Wenn aber dann doch ein Tor fällt, dann redet man sich wieder raus eigentlich hatte er den richtigen Zeitpunkt zum Abspiel schon verpasst, aber der Ball kommt doch noch an, oder, am einfachsten, hackt man dann auf den Verteidigern herum zu weit weg von den Gegenspielern, das war ja eine Einladung ... dankend angenommen oder so etwas.
Die Ursache ist die folgende, und der sollten Reporter dringend vorbeugen. Ein Laie sagt vielleicht toll, toller Trick, schönes Tor, der wahre Experte hingegen sagt ja, eine Kette von Fehlern hat zu dem Gegentor geführt. Erst der leichtsinnige Ballverlust im Aufbauspiel, dann stehen sie zu weit weg von den Gegenspielern und der Torwart macht auch noch eine unglückliche Figur. Und dann soll mal einer widersprechen. Es gibt übrigens Legenden, die einfach so entstehen. Eine davon ist diese: Tore fallen durch Fehler. Denn das hat Kaiser Franz einmal gesagt. Jetzt ist es unumstößlich. Jeder zitiert das, ohne den Ursprung zu kennen und den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Das ist aber, mit Verlaub, völliger Unsinn. Es gibt die Möglichkeit, ein Tor herauszuspielen. Tatsächlich. Es gibt auch physiologische Unterschiede zwischen den Spielern. Es gibt schnellere und langsamere, es gibt größere und kleinere, wendige, bewegliche und weniger bewegliche. Dazu gibt es Robustheit oder auch Durchsetzungsvermögen. Dann gibt es Spielzüge, Spielerbewegungen, Passpräzision, Flankenpräzision und Torschusspräzision, alles individuell verschieden. Und dann gibt es da auch noch den Faktor Zufall, Glück oder Pech.
Der Kaiser hat leider auch noch einen weiteren verhängnisvollen Satz gesagt: Lossts den Fußball, wie er ist. Das hat dazu geführt, dass über Regeländerungen gar nicht mehr nachgedacht wird. Oder auch darüber, ob man den Fußball attraktiver gestalten kann. Das Kaiserwort gilt ewiglich, hier und immerdar.
Ich schildere mal eine von vielen Möglichkeiten, wie man ein Tor herausspielen kann:
Der Ballführende Spieler (einer wird es schon sein, es kann ja zum Beispiel nach dem Anstoß sein, dann war es hoffentlich kein Fehler, wie er in Ballbesitz gekommen ist, Herr Reif? Mein Idol unter den Miesmachern übrigens und scheinbar nicht nur meines) spielt einen Pass auf den nächsten freien Mitspieler. Dieser spielt den Ball weiter zum nächsten und dieser dann wieder zum nächsten, der ein Zweierduell gewinnt, selbst das soll möglich sein, durch individuelle Befähigung, enge Ballführung, Trickreichtum. Eine Flanke, und zwar eine präzise, auf den 1.92 m großen Angreifer, der das richtige Timing hat, der Kopfball, das Tor. Alles ohne Fehler. Präzise Anspiele, Mitspieler laufen in Position, im richtigen Augenblick, einer ist gar schneller als sein Gegenspieler und hat die entscheidenden Zentimeter Vorsprung. Ich bin ein Träumer, stimmt's? Ein Tor ohne Fehler, pah!
Wer im Ballbesitz ist, hat doch die Möglichkeit, nach einem freien Mitspieler Ausschau zu halten. So lernt es jeder, schon in der Jugend. Stoppen, schauen, spielen. Noch besser: Schauen, nicht stoppen, trotzdem spielen. Das nennt man auch Direktpass, neudeutsch No-look-pass, der Meister dieser Anspiele: Ronaldinho.
Sicher, je mehr Ballsicherheit, umso leichter fällt das Schauen vor dem Abspiel. Da lob ich den Kaiser mal ausdrücklich. Er schaute durchgehend, wenn er den Ball am Fuß hatte, das war sein Markenzeichen: Der Kopf war oben, immer, stets und ständig. Der Ball war sowieso da.
Wenn man nach dem Überwinden des Gegenspielers oder durch ein präzises Anspiel möglicherweise eine Schussposition hat, seien es auch 25 Meter Torentfernung, dann hat man die Möglichkeit zu schießen. Und je nach eigenen Fähigkeiten und denen des Torwarts, je nach den Zufälligkeiten (Platzbeschaffenheit? Regennasser Ball?) wird der Ball gelegentlich auch ins Tor gehen, alles ohne Fehler. Darüber hinaus sind es die Aktionen, die der Zuschauer sehen will. Ich will dann wenigstens auch mal die Begeisterung über die gelungene und noch dazu schöne Aktion hören, und nicht nur ein lapidares das 1:0, aber jetzt mal zur Fehleranalyse.
Es ist ein Spiel von Wahrscheinlichkeiten. Die Aktionen haben eine gewisse Wahrscheinlichkeit, im Torerfolg zu münden. Je höher die Fähigkeiten, individuell und im Team, umso höher die Wahrscheinlichkeit. Aber selbst wenn eine Mannschaft 10 Mal im Spiel eine zwanzigprozentige Torchance erspielt und die andere nur 5 Mal eine zehnprozentige, kann die unterlegene Mannschaft gewinnen. Und das war lediglich eine Folge von Zufälligkeiten.
Was ich wie erreichen will, sei hier noch einmal kurz zusammengefasst:
Attraktivität des Spiels durch mehr Tore steigern. Mehr Tore durch Anwendung der bestehenden Regeln, Auslegung der Regeln zugunsten der angreifenden Mannschaft. Dazu ist eine Bewusstwerdung psychologischer Abläufe und damit verbunden ein Umdenken aller, insbesondere der Schiedsrichter, erforderlich. Denn wir wollen die Toraktion, wir wollen das Tor. Man muss bei der Entscheidung lediglich berücksichtigen, dass, wenn man die Toraktion unterbindet, man im Prinzip die Zuschauer vergrault, vertreibt. Wir wollen und brauchen Toraktionen und Tore. Mehr Tore garantieren auch Spannung. Es käme beim Stand von 0:2 dann niemand mehr auf die Idee, vorzeitig den Fernseher abschalten, weil nichts mehr zu erwarten ist. Es könnte ja noch alles passieren, die Spannung bliebe bis zum Schlusspfiff. Und wir wollen eine Berichterstattung, die dem besten, was es an Fußball gibt, gerecht wird. Positiv. Stellen Sie das Positive heraus. Hierbei geht es um die Aufwertung des Fußballs. Denn die Fanschar mag zwar gewaltig groß sein, aber wer weiß, wie groß sie noch sein könnte.
Die Interviews
Ein Interview heutzutage (und ich betone ausdrücklich: hier in Deutschland) ist meist eine ziemliche Zumutung. Ich stelle voran, wie es sein müsste und in England auch praktiziert wird: Der Frager hat die Ehre, einen wahren Experten am Mikrofon zu haben. Seine Aufgabe besteht darin, durch geschickte Fragen eine möglichst große Menge an Weisheiten und Wissenswertem aus dem Gesprächspartner herauszubekommen. Dazu darf und sollte er sich auch als Mann vom Fach erweisen, was er in seinem Fragegeschick zeigen kann. Aber eines muss doch feststehen und erkennbar bleiben: Er ist lediglich der Experte für Fragen, der Befragte ist der wahre Experte.
Ein Interview hierzulande verdreht diese Ausgangslage. Der Frager weiß bereits alles. Er lässt aber den Befragten eine Weile im Dunkeln tappen, um den Zuschauer anschließend über dessen Motivation bei der Beantwortung seiner Fragen aufzuklären. Konkret sieht das so aus: Warum hat Ihre Mannschaft heute verloren? Antwort: Wir haben nicht so schlecht gespielt. Die Leistung war in Ordnung, das Ergebnis nicht. Nächste Frage: Machen Sie es sich da nicht zu einfach? Wenn wir weiter so spielen, dann werden irgendwann auch die Ergebnisse kommen. Wir haben unsere Chancen nicht genutzt. Sorgen müsste ich mir machen, wenn wir keine Chancen gehabt hätten. Nächste Frage: Ist es denn nicht ein Qualitätsproblem, wenn so viele Chance vergeben werden? Der Mann ist gut, er hat die Tore mitgezählt und kennt noch eine Weisheit: Im Fußball zählen die Tore!
Die Fähigkeit vieler Berichterstatter scheint sich im Zählen der Tore und im Lesen der Tabelle zu erschöpfen, damit ist dann wohl jede Frage gerechtfertigt, sei sie auch noch so einfallslos. Mein Vorschlag wäre, dass ein Reporter ein Spiel kommentieren muss, ohne zu sehen, ob eine Aktion mit oder ohne Tor abgeschlossen wurde. Dann kann er seine klugen Erklärungen zum Besten geben, wer gut war und wer schlecht, wer die katastrophalen Fehler gemacht hat und wer am Ende nach seiner Meinung verdient gewonnen hat.
Nehmen wir folgendes Beispiel zur Veranschaulichung dafür, dass die Kommentierung sich ausschließlich nach dem Spielstand richtet. Eine Mannschaft führt mit 1:0, die andere greift an. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass der Angriff zu einem Tor führt, welcher tut das schon? Einer von 100? Nee, so wird das nix. Umgekehrt, die führende Mannschaft greift an, die gleiche Aktion. Diesmal aber der Sprecher: Da brennt es schon wieder lichterloh. Merken Sie etwas?
Kommentierung: Zwei Reporter (Ausland)
Noch ein Vorschlag zur Verbesserung der Berichterstattung. Und in diesem Zusammenhang frage ich mich, ob die deutschen Medien, Berichterstatter, Programmverantwortlichen schon mal etwas davon gehört haben, dass es zuweilen ratsam ist, über den eigenen Tellerrand zu schauen? Das hat man in Deutschland doch nicht nötig! Wir haben schließlich die Welt erfunden. Und überhaupt: Wer war schon drei Mal Weltmeister und hätte es noch weitere 10 Mal verdient gehabt?
Wenn ein deutscher Sprecher spricht, ist es in etwa so, wie ich mir den Tonfall vorstelle, wenn Queen Mum Berlin besucht. Kein Mensch will das sehen oder hören. Ich habe bei so einem Großereignis auch noch nie zugeschaut. Aber den Tonfall kann ich mir gut vorstellen. So in etwa eben wie bei einem Fußballspiel. Der Kommentator hat offensichtlich auch nicht die Absicht, Spannung zu erzeugen. Er selbst hat ja eh schon alles zwischen Himmel und Erde gesehen. Gute Leistungen gibt es schon mal gar nicht für so jemanden. Und wie sollte er Spannung empfinden, wenn diese kleinen, hilflosen, lächerlichen Persönchen da unten versuchen, einen Angriff aufzubauen und die anderen, die Gegenspieler, in ebenso hilflosen Versuchen sich bemühen, diesen Aufbau zu verhindern? Also gut, so ist es offenbar, wenn Gott mit einem spricht. Aber nach meiner Vorstellung war Gott doch bisher immer gnädig?
Nun kommt noch dazu Gottes Beurteilung einer Spielsituation. Es gibt ein Vergehen im Strafraum. Der Sprecher (Ja, Gott, ich gelobe Besserung): Nie und nimmer Foulspiel. Das Spiel läuft weiter. Die Zeitlupenwiederholung, aus sechs verschiedenen Perspektiven, bestätigen meinen ersten Eindruck: Klarer Elfmeter. Der Sprecher: Da sehen Sie es, er hat ihn nicht berührt. Es war kein Elfer. Sieht sich in seiner Einschätzung ebenso bestätigt (sicher, Gott, nur du kennst die Wahrheit). Aber ich als bescheidener Erdenbürger würde trotzdem gerne einen Fürsprecher für meine Einschätzung finden. Warum postuliert der Mann (schon wieder Lästerung; Gott selbst) sofort die Wahrheit und lässt mir gar keinen Spielraum für eine eigene Entscheidungsfindung? Ich schreie dann regelmäßig meinen Fernseher an. Ich formuliere Tausende von Leserbriefen. Ich kapituliere. Es ist nichts zu machen. Es war kein Elfmeter. Gott hat es gesehen, Gott hat zu mir gesprochen. Danke, oh Gott, du Allmächtiger, Allwissender.
Ich habe übrigens mal bei eBay dieses Highlight-Angebot gefunden: Ersteigern Sie einen Tag mit Marcel Reif. Begleiten Sie ihn ins Stadion, lauschen Sie ihm, beobachten Sie ihn bei der Arbeit. Ich habe 4000 Euro geboten und schon geglaubt, Gewinner zu sein. Aber als ich zum Ablauf der Zeit wieder raufblickte, hatte jemand 4001 Euro geboten, ich war draußen. Ahnen Sie, wie ich den Tag genutzt hätte? Da hätte ich ausnahmsweise mal jegliche Diplomatie über Bord geworfen.
Hier ging es eigentlich um das Vorbild Ausland: Bei allen englischen Spielen gibt es zwei Kommentatoren. Das hat folgenden Vorteil: Wenn einer offensichtlichen Unsinn redet, gibt es wenigstens eine Instanz, die dazu direkt Stellung nehmen kann. Das führt als Begleiterscheinung dazu, dass einfach gar kein Unsinn mehr geredet wird. Man hat jemanden an der Seite, der einen beim Unsinnquaken direkt ertappt (ertappen würde), also unterlässt man es. In Italien ist es übrigens genauso.
Das hört sich beispielsweise dann so an: For me, that's a penalty. What do you think, Gary? Oder: He must have been offside. What is your opinion? No, he may have been onside. Lets see the Replay.
Wie hoch ist ein deutscher Tellerrand? Die deutschen Kommentatoren haben jedenfalls den Joker gezogen im Dämlichquatschen. Die Geringschätzung der Deutschen im Ausland kann ich ohne weiteres nachvollziehen. Deutsche Großkotzigkeit legt das einfach als Neid aus.
Übrigens gibt es noch einen Grund, warum die Reporter stets und ständig durchgehend negativ über ein Spiel reden: Da man über Fußball spricht, ist jedem bewusst, dass man so viel Schlechtes sagen kann, wie man will. Wenn ich mir einen jungen Nachwuchsreporter vorstelle, der die Gelegenheit bekommt, bei seinem ersten öffentlichen Auftritt, beispielsweise bei einer Schwimmveranstaltung oder einem Volleyballspiel, zu kommentieren, dann würde er garantiert nicht damit anfangen, dass Spiel, die Leistungen der Teilnehmer irgendwie madig zu machen. Beim Fußball darf man das, und das ganze 90 Minuten lang. Doch der Fußball ist so groß und mächtig, einfach nicht kleinzukriegen.
Die Spieler selbst
Die Spieler sind, und ich hoffe, dass keiner persönlich beleidigt ist, zwar die einzigen wirklich Aktiven, aber dennoch nur Marionetten auf dem Spielfeld. Sie agieren nach den Vorgaben sämtlicher anderer Beteiligter. Die Manager entscheiden, wer ge- und wer verkauft wird. Die Trainer stellen auf und geben die Positionen vor. Die Medien wählen die zu übertragenden Spiele nach Wertigkeit und Attraktivität aus. Die Reporter beurteilen die Leistungen der Spieler, die Zuschauer pfeifen oder applaudieren, jubeln oder trauern. Und sie entscheiden auch, welcher Trainer gehen muss und welcher Manager bleiben darf, welcher Spieler zum Publikumsliebling gewählt wird und welcher reiner Söldner ist. Und am Ende wählen sie auch noch die Mannschaft, den Trainer, den Manager und den Spieler der Saison.
Die Spieler dürfen gerade mal gegen den Ball treten und ihn im Tor versenken oder aber die Chance versieben. Den Gegner mit fairen oder unfairen Mitteln von seinem Vorhaben abbringen. Sie sind die Hauptdarsteller. Aber dennoch die mit dem geringsten Einfluss.
Trotzdem kann man auch diese Rolle interpretieren. Wenn die Medien mal wieder vorgeben, was der Trainer (wenn auch nur unter deren Druck) geäußert hat, dass heute ein Sieg hermuss, egal wie, dann sind die Spieler zur Umsetzung aufgefordert, beinahe verdonnert. Dennoch hätten sie aus meiner Sicht das Recht, die Regeln der Fairness einzuhalten. Bedauerlicherweise geschieht auch das immer seltener. Für Fairplay ist einfach kein Platz mehr. Vielleicht erinnern Sie sich an die Szene mit Alpay und Vlaovic bei der EM 1996, Türkei - Kroatien. Alpay war in dem Sinne fair, dass er die Notbremse nicht gezogen hat. Das reicht schon, um als Fairplay durchzugehen?
Ich verlagere die Verantwortung selbstverständlich zurück auf die Medien. Sie hätten die Chance, auch einen Verlierer zu loben, wenn die Leistung stimmte. Sie haben die Möglichkeit, den Beteiligten für ein tolles Spiel zu danken, für eine tolle Saison (Stepanovic nach dem tragischen Titelverlust der Frankfurter Eintracht 1992: Er hatte zunächst dem Reporter, der gleich mit einer üblen Frage auf ihn losging, zunächst geantwortet: Ich erwarte erst mal Glückwünsche zu einer tollen Saison. Dann sprach er den legendären Satz: Läbbe geht weiter.) Sie können auch, anstatt den Sieg um jeden Preis vorzugeben, die Devise ausgeben: Dabeisein ist alles. Wir freuen uns auf ein tolles Spiel heute abend. Und wenn es noch dazu zu unseren Gunsten ausgeht...